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Mittwoch, 8. Juni 2016

Zwischenzeiten

Mit Erstaunen habe ich festgestellt, dass mein letzter Eintrag jetzt schon zehn Tage zurückliegt. In dieser Zeit wurden große Teile Europas von Unwettern heimgesucht, die von einem Wettersprecher heute als "äußerst ungewöhnlich" bezeichnet wurden. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass jemals so lange solche Wassermassen aus solchen ständig stärker drohenden Wolken geschüttet wurden, dass es in Landstrichen wie Scheswig-Holstein zur Bildung von sogenannten Wolkenrüsseln sprich Tornados kommen kann und das alles vor dem Hintergrund von Krieg, Gewalt, Terror, Fußball-EM und einem Staatsoberhaupt, das dank eines fraulichen Schulterschlusses zum Herren Europas mutieren will. Ich wollte eigentlich über etwas ganz anderes schreiben, doch dazu später.

Die Natur kennt kein schlechtes Wetter, so lernte ich kürzlich. Es sind die Einrichtungen der Menschen, die schwer beschädigt werden können, wenn alles außer Rand und Band gerät.  Und es gab Todesfälle, die ich außerordentlich bedauere. Während ich früher Gewittern eher sorglos gegenüberstand, sie sogar als spannend empfand und stundenlang am Fenster stehen konnte, nötigen sie mir inzwischen einen gewaltigen Respekt ab. Ich finde auch nicht, dass Hausbesitzer Pflichtversicherungen abschließen müssten, wie unser Landesvater Kretschmann fordert. Damit wäre der Staat dann nämlich ziemlich aus dem Schneider. Lieber sollten sie die versiegelten Flächen renaturieren, den Überlauf oben an den kleinen Bächen verbessern und ihre Monokulturen mit Mais und Ähnlichem überdenken! Unsere Gegend, wennwohl ganz dicht am Schwarzwald gelegen, hat es weniger getroffen. Am Sonntag wurde der Kreis Calw zwar vom Fernsehfrosch als Katastrophengebiet erwähnt -mit 40 Liter Wasser auf den Quadratmeter - aber die Bäche und Flüsse schwollen nur unverhältismäßig an. Als sich also am Sonntag gegen Mittag der ständig rauschende Schleier hob und eine blasse Sonne durch den Dampf spähte, hörte ich immer wieder, stundenlang, die Sirenen von Feuerwehren. Da werden ein paar Keller vollgelaufen sein, dachte ich, oder die Nagold ist über die Ufer getreten. Hoffentlich ist nichts Schlimmeres passiert. Katastrophentouristin wollte ich nun auch wieder nicht spielen. Gegen später fuhr ich mit dem Auto zur Stadt, um mir ein wenig Bewegung im Badepark zu verschaffen, die Glieder waren ja schon ganz steif vom vielen Herumsitzen. Da sah ich, dass die Feuerwehr einen Tag der Offenen Tür feierte. Und just in diesem Moment sauste eine Feuerwehr mit Tatütata an mir vorbei, aus dem Fenster schaute ein Kind. Das Fahrzeug bog auf die Straße zum Fluss, der aber gar nicht über die Ufer getreten war. An diesem Ufer ging jemand mit einem Kinderwagen spazieren. Ich kam mir vor wie in einem Science Fiction. Später geschah auch noch ein Unfall auf der Strecke, aber wieder nicht wegen des Wassers. Morgen soll es vorbei sein mit der Heftigkeit, aber heute schwammen wir noch einml in einer braunen Brühe eine abschüssige Straße hinab. Die letzten zwei Wochen habe ich als absolut grenzwertig in Erinnerung, als würde ich durch mein Fenster auf eine Apokalypse schauen, als wäre die Welt kurz vor ihrem Untergang gewesen. Aber die Natur selbst kennt kein schlechtes Wetter, um auf das Eingangsstatement zurückzukommen. Die Schnecken zum Beispiel fühlten sich in ihrem Element. Und so habe ich auch keine weiteren Verluste zu beklagen als den Schneckenfraß an ein paar Tomaten - und Paprikastöcken.

Die wenigen sonnigen Tage haben wir für Ausflüge und Wanderungen genutzt. In einer Bücherkiste entdeckte ich das Buch von Renate Feyl über Sophie de la Roche, der Autorin, die ihre Familie im 18. Jahrhundert durch Schreiben über Wasser gehalten hat. Die profanen Stunden des Glücks. Dabei entdeckte ich, dass ich vor drei Jahren schon einmal darüber berichtet hatte: Wie man einst vomSchreiben lebte. Die Lektüre hat mir außerordentlich gut über diese Zwischenzeiten hinweggeholfen. Ergänzend zu meinem damaligen Bericht kann ich sagen, dass der Literaturbetrieb dem heutigen nicht ganz unähnlich war. Allerdings mit einem nicht unerheblichen Unterschied bei den Lesern und Leserinnen. Mit "Fräulein von Sternheim" hat Sophie de la Roche einen neuen Typ Frauenroman geschrieben, nämlich den einer Frau, die ihren eigenen Weg geht. Das fanden vor allem die Damen des Hofes und die "gehobene Gesellschaft" so toll, dass sie die Autorin feierten wie einen Star. Das dicke Geld verdiente sie aber mit der Zeitschrift "Pomora", weil die russische Zarin Katharina einen Haufen davon bestellte und sie verteilte. Mit der Zeit aber, die durch die Ereignisse in Frankreich immer stärker beeinflusst wurden, ging der Umsatz der Zeitschrift zurück, weil die erzieherischen Frauenthemen zu verstaubt wirkten. Sophie de la Roche überzeugt als Gesamtlebenswerk, als Schriftstellerin, die Manuskripte von Goethe, Schiller, Wieland und anderen vorgelegt bekam und von fast allen verehrt wurde. Sie hat ihren Mann, ihren Lieblingssohn und ihre Lieblingstochter verloren und sich dennoch sechzigjährig auf Reisen durch Europa gemacht, über die sie berichtete und mit denen sie sich durchbrachte. Ihr Name ist in Literaturkreisen geläufig, wenn auch Schillers "Räuber" und Goethes Werke heute noch bekannt sind und im Theater gespielt werden.
Hummelragwurz am Rand des Schwarzwaldes


Stadtmauer von Dinkelsbühl

Falls ich jemals noch eine Anwandlung bekommen sollte, wäre die Zeit von ihrer Geburt, die platonische Liebe zu Wieland, ihr Verweilen auf Schloss Warthausen bei Biberach sowie die Zeiten im Schloss von Bönningen (wo sie das Fräulein von Sternheim schrieb) noch "frei". Vielleicht erinnere ich mich daran, wenn wieder einmal der Sturm ums Haus tobt, die Regentropfen gegen die Fenster klatschen und die Vögel angstvoll davor herupiepsen. Apopos Vögel und Unwetterzeiten: Es muss die Tiere wirklich verrückt machen. Ein Storch im Brandenburgischen hatte kürzlich, so stand es in der Zeitung seine geliebte Störchin an einen Rivalen verloren, der dick und fett in seinem Nest saß. Der Storch klopfte an alle Fenster des Dorfes und hackte auf Autos ein, weil er in der Spiegelung seinen Nebenbuhler zu sehen meinte. Ich weiß nicht mehr genau, wie das endete. Vielleicht vertrieb er den Rivalen aus dem Nest und hockte dann alleine dort.

Montag, 7. März 2016

Wie man einst zur Autorin wurde

Ach, wie berauschend musste es einst gewesen sein, als Frau ein Buch zu veröffentlichen! Fast verspürt man das Bedürfnis, im 18. oder 19. Jahrhundert geboren worden zu sein, der Zeit der Romantik. Eine Dame von Stand, Caroline von Wolzogen, schrieb einen Roman namens "Agnes von Lilien" - über eine junge Frau, die sich in der realen Welt fremd und unverstanden fühlt, sich selber sucht und einen idealisierten Mann gefunden hat. Dafür musste sie sich nicht etwa nach einem Verlag umsehen, und sie musste auch kein Geld damit verdienen. Ruhm war damals alles. Statt einen Verlag zu suchen, gab sie ihn ihrem Schwager Friedrich Schiller zu lesen, der ihn begeistert in seinen "Horen" veröffentlichte. Der Roman wurde Goethe zugeschrieben, später auch Schiller, bis die Identität gelüftet war. Ganz Weimar redete über kein anderes Thema, eine Flut von posiven Rezensionen erreichte die Autorin, berühmte Männer und Frauen der Zeit waren voll des Lobes. Herzog Karl August schickte ihr einen reich verzierten Schrank mit Schubfächern für die weiteren Manuskripte. Sie genoss diesen Ruhm unendlich. Bald geriet sie unter Druck, den nächsten Roman folgen zu lassen, auf den alle Welt schon wartete. Doch was geschah? Schillers Frau wurde schwer krank, und da man das Genie, das gerade an der "Johanna von Orléans" saß, nicht belästigen durfte, wurden ihr Schillers vier Kinder zusätzlich zu ihrem eigenen aufgebürdet, inklusiv der Pflege der Schwester und einem Umzug der Familie. Das hat sie alles geschafft, betrieb auch weiterhin ihren Salon mit den großen Geistern ihrer Zeit. Ernüchtert musste sie feststellen, dass ihr Gatte von Wolzogen mit einer erfolgreichen russischen Brautwerbung für den Herzogsohn zehnmal mehr verdiente als Schiller mit seinen Werken, und für den Rest seines Lebens ausgesorgt hatte. Da musste Caroline nun wirklich nichts hinzuverdienen. Anders war es bekanntlich bei Sophie de la Roche, die als erste finanziell unabhängige Autorin gilt und sich und ihre fünf Kinder mit dem Schreiben durchbrachte. Caroline von Wolzogen und ihr Ehemann wurden von der Weimarer Gesellschaft geächtet, weil sie mit Goethe und seiner Frau Christiane Vulpius verkehrten. Es wurde einsamer um sie. Die Einsamkeit kam ihr aber zu Pass, denn so konnte sie sich immer mehr dem Schreiben widmen. Eines Tages stellte Caroline von Wolzogen fest, dass sie plötzlich 59 Jahre alt geworden war. Die meisten ihrer Lieben - Schiller, ihre Schwester, ihr Ehemann -waren gestorben. Später sollte auch noch ihr Sohn Adolf folgen. Doch es gab immer noch Größen wie Goethe, Alexander von Humboldt oder Charlotte von Stein, die ihre Hand über die Autorin hielten. (Frau von Stein wurde übriges steinalt!) So vollendete Caroline eine Biografie über Schiller und einen zweiten Roman namens "Cordelia". Damit geriet sie aber bald in Vergessenheit.

Heute haben wir keine Herzöge und berühmte Genies, die unsere Bücher fördern und bekannt machen und uns mit Ruhm und Geschenken überhäufen. Wir schreiben Bücher und stellen uns damit an-in der Bücherfabrik. Würden eine Caroline von Wolzogen oder eine Sophie de la Roche heute leben, würden sie einen Salon bei Facebook betreiben, sich von ihren Männern ernähren lassen oder selbst für ihren Unterhalt geradestehen. Auf jeden Fall würden sie ihren Haushalt und ihre Kinder selbst versorgen. Sie würden Bücher und Ebooks bei Verlagen herausgeben oder selber veröffentlichen. Den Platz an der Sonne, den Marmorkuchen müssten sie sich mit tausenden anderer schreibender Männer und Frauen teilen.

Samstag, 5. Mai 2012

An den Trends vorbeischreiben

Heute gibt es mal keinen Plausch mit dem immer hilfreichen Schreibteufelchen, sondern mit einem fiktiven Vertreter im Buchhandel.
Autorin: Lieber Vertreter, was meinen Sie denn, was ich als Nächstes schreiben sollte?
Vertreter: Das, was sich bewährt hat. Da legen wir nochmal nach, insbesondere bei Ihren Historischen Romanen.
Autorin: Aber ich will eigentlich mal was ganz anderes schreiben. Einen Psychokrimi, einen historischen Thriller ...
Vertreter: Dazu brauchen Sie ein Pseudonym. Die Buchhändler müssen wissen, wo sie Sie einordnen können. Schreiben Sie doch Love&Landscape, der Trend ist gerade noch am Laufen.
Autorin: Pseudonym möchte ich nicht. Ich wollte mal einen Thiller über Südamerika schreiben, das ist jetzt natürlich zu spät. Und es sollte auch kein Liebesroman sein. Ich denke, ich könnte mit einem historischen regionalen Psychokrimi weitermachen, das passt doch.
Vertreter: Schauplatz?
Autorin: Der Schwarzwald.
Vertreter: Na ja, hier in der Umgebung können Sie damit vielleicht punkten. Ich sage aber immer: Think big!
Autorin: Wie wäre es mit einem Roman über Sophie de la Roche? Die hat ein spannendes Leben gehabt, berühmte Leute wie Wieland und Goethe gekannt, war die Großmutter von Bettina und Achim von Arnim-und hat sich mit Schreiben über Wasser halten müssen.
Vertreter: Das ist ja 18.Jahrhundert, oje, das will niemand lesen. Schreiben Sie doch noch mal ein Hurenbuch über die italienische Renaissance, die sind doch hervorragend gegangen. Erst Venedig, dann Florenz, dann Rom.
Autorin: Aber ich hatte nie vor, ein Buch über Rom zu schreiben.
Vertreter: Dann schauen Sie sich mal die Trends an. Wenn Sie ganz schnell auf den Zug aufspringen, können Sie noch ein Zipfelchen erhaschen.
Autorin: Nö, ich will dahin fahren, wohin ich will.
Vertreter: Dann können Sie das erfolgreiche Schreiben und Veröffentlichen vergessen! Haben Sie denn wenigstens ein MS mit abgehackten Gliedmaßen?
Autorin: Nö.
Zu den Lesern gewandt: Pscht, ich weiß, was ich mache. Ich nehme mir einen Handlungsstrang meines MS, das in der Schublade dümpelt. Mal sehen, was daraus werden könnte.