Samstag, 30. November 2013

Der gläserne Autor

Gestern, in einer Mußestunde, ist mir ein Video in die Hände gefallen. Da wollte jemand eine Pizza beim Pizzaservice bestellen, mit Salami und Schinken. Der Pizzamann nahm aber die Bestellung nicht einfach entgegen. Er tippte etwas in seinen Computer ein und meinte: Nein, bei Ihrem Cholesterinspiegel und Ihrem Übergewicht ist Käse, Schinken und Salami nichts für Sie. Ich mache Ihnen eine Vollkornpizza mit Tofu und Brokkoli. Wie bitte, woher wissen Sie denn das?
Die medizinischen Daten sind Allgemeingut, die Regierung will Gesundheit für alle einführen. Und ja, Ihre Adresse ist bekannt, in 15 Minuten wird geliefert. Sieht so die Welt von morgen aus?, fragt sich der Videohersteller. Meine Gruppe wird seit Jahren vom Mikrozensus verfolgt, da müssen sie Fragebogen mit sehr sensiblen Daten wie Gewicht, Verdienst, Größe der Wohnung und sogar zum Gesundheitsverhalten beantworten. Letztens war sogar einer persönlich da und versicherte, das müsse so sein, da vom Gesetz vorgeschrieben. Früher nannte man das Volkszählung, gegen die man auf die Barrikaden ging. Ich habe meinen Leuten empfohlen, diejenigen Fragen nicht zu beantworten, die sie nicht beantworten wollen. Ob das registriert wird und man eine Ordnungsstrafe dafür bekommt?

Als Autorin -und eigentlich fast nur als Autorin - habe ich schon unzählige unlöschbare Spuren vor allem im Netz hinterlassen. Schon bald könnte es bei Verlagsbewerbungen so zugehen: So, Sie wollen ein Buch bei uns veröffentlichen. Sie haben aber noch kein einziges Mal für unseren Verlag gevoted, auch kein Like abgesetzt. Ihr Output ist nicht besonders hoch. Zudem lässt im November Ihre Produktion nach, das ist ganz schlecht fürs Weihnachtsgeschäft. In Ihrem Krimi gibt es keinen international operierenden Serienmörder, und wahrscheinlich können Sie kein Blut sehen. Um als Marke verkauft zu werden, müssten Sie mindestens Pathologin oder Archäologin sein. Sie wohnen an einem stinklangweiligen Ort, wer will denn darüber etwas wissen? Wenn Sie wenigstens sensationelle Unfälle gehabt hätten wie Stephen King, wäre das ja noch ein Argument! So aber würde ich Ihnen empfehlen, ihr MS mit einer rosa Schleife zu umbinden und an den Weihnachtsbaum zu hängen. Wie, Sie haben gar keinen Weihnachtsbaum? Als Außenseiter müssten Sie doch wissen, dass wir das nicht verkaufen können! Und bei Facebook haben Sie sich fürs Self Publishing eingesetzt. Machen Sie`s doch selbst! Sie werden schon sehen, was sie davon haben, wenn wir Ihr Ebook nicht verbreiten helfen.
Aber Sie haben doch gesagt, Sie wollen mein MS nicht, ich müsste Pathologin sein, über Serienmörder schreiben, ständig Unfälle haben, voten und liken?
So habe ich das nicht gemeint. Sie müssen unfehlbar sein, sich als Super-Powerfrau darstellen. Das brauchen die Leute, das wollen die Leser!
Im Netz wird gelogen, dass es kracht.
Na und? Hauptsache, es verkauft sich!

Hier noch der Link zu Petra van Cronenburgs Beitrag "Vorauseilender Gehorsam?"