Donnerstag, 24. Oktober 2013

Zwei Tage im Leben eines Autors

An einem Tag, der nicht wie jeder andere ist, wird mein Autor schon morgens angerufen. Es brennt in der Arbeitsstätte, oder jemand ist verschwunden, man muss die Polizei verständigen und natürlich s o f o r t  kommen. Kaum ist er zuhause, muss er auch schon wieder weg, zu einem Notfallteam, zu organisatorischen Sitzungen und therapeutischen Krisengesprächen. Am Abend sinkt er erschöpft auf das Sofa. Ist zu müde, um den Fernsehkasten einzuschalten. Freut sich auf das Wochenende, doch am Freitag kann er die geplanten Aktivitäten canceln. Der lektorierte Text ist nämlich eingetroffen, ohne weitere Vorwarnung und mit dem Hinweis, man solle rasch drübersehen und ihn möglichst schnell, heißt, bis zum Montag, zurückschicken. Das wird ein 20-Stunden-Dauermarathon. Danach liegt unser Autor erschlagen auf dem Sofa, den Kopf in die Hand gestützt. Alle Muskeln tun weh, der Arm ist entzündet. Nur langsam wird er sich wieder davon erholen. Wofür hat er endlos recherchiert, sich die Finger wund getippt? Immer wieder überarbeitet, testlesen lassen? Natürlich für sich selbst, denn es war ja auch ein endloses Vergnügen, das zu schreiben, was man selber gerne liest. Und für Leser, die sich gern in andere Welten und Zeiten entführen lassen. Zwei Monate später erscheint das Buch. Es wird sofort zum kostenlosen Download angeboten. Die allergrößte Freude hat mein Autor dann, wenn er aus einer bestimmten Ecke vernimmt, er sei paranoid, weil er glaubt, es werde ihm etwas weggenommen.

Das ist die defizitäre, natürlich überspitzt beschriebene Situation. Es kommt nicht immer alles auf einmal. Und es gibt natürlich auch Tage für unseren Autor, an denen er wirklich lebt wie die Made im Speck, das irdische Paradies vor Augen. Schon beim Aufwachen fällt ihm Sonnenlicht ins Auge. Er setzt sich gemütlich mit einer Tasse Kaffee, etwas Obst und einem Sandwich hin und checkt ausgiebig das soziale Netz. Räumt herum, hängt die neuen Bilder auf. Sie machen den Wohnraum heller, glänzender. Der Autor geht schwimmen, er hat ja eine Saisonkarte, und dreimal schwimmen plus eine zweistündige Wanderung am Waochenende seien ausreichend Bewegung, sagt der Netdoktor. Beugen Sie dem Burnout vor, machen Sie Pausen, sagen Sie nein. Nach dem Mittagessen, er achtet natürlich auf Vitamine, schaut er sich Bilderbuchlandschaften im Fernsehen an. Geht dann zur Arbeit, heute ist vielleicht ein Gruppengespräch, sonst aber Essengehen angesagt. Beim Griechen schlagen sich alle die Bäuche voll. Und der Autor denkt: So gut möchte ich es öfter mal haben. Den Rest des Tages muss unser Autor nicht mehr schreiben, er kann aber, wenn er Lust hat. Momentan wartet kein Verlag, keine Agentur, kein Leser auf ihn. Und auch keine Downloadplattform. Das sind die Ressourcen, ohne die irgendwann nichts mehr gehen würde.

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