Dienstag, 29. September 2009

Dornröschen

Ich will auch einmal ein Märchen erzählen.
Dornröschen schlief, weil sie nicht sterben sollte, hundert Jahre.
Da hatte die gute Fee sich aber geirrt, denn in hundert Jahren wird Dornröschen so sehr von Spinnweben überwuchert sein, das kein Prinz der Welt es mehr erlösen will. Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, wachte Dornröschen auf. Es war ein Schock. Das ganze Schloss schlief, der Hund war beim Versuch, ein Stück Fleisch zu schnappen, eingeschlafen, die Hand des Koches, mit der er dem Küchenjungen eine Ohrfeige geben wollte, hing schlaff in der Luft. Aus der Kemenate von Mutter und Vater kam ein durchdringendes Schnarchen.
Wie, um alles in der Welt, sollte Dornröschen aus diesem verschlafenen Schloss wieder herauskommen? Die beiden Feen waren verschwunden, natürlich. Als Dornröschen aus einem der Fenster schaute, sah sie, dass das Schloss mit einer dichten Rosenhecke umwuchert war, so dicht, dass es kein Entkommen aus dieser Lage mehr gab. So saß sie tagelang und wartete. Zum Essen und Trinken gab es noch genug. Immer wieder beobachtete Dornröschen, wie Prinzen mit Schwertern gegen die Dornenhecke kämpften, es jedoch bald wieder aufgeben mussten. Ob es sich lohnen würde, auf einen Prinzen zu warten, der sie wach küsste? Sie war doch schon wach! Also setzte sie sich hin und schrieb ein Märchen. Es war ihre eigene Geschichte. Dornröschen nahm die giftige Spindel und anstatt sich damit zu stechen, warf sie das tödliche Instrument der bösen Fee ins Gesicht und ließ sie einsperren.
Durch einen Zauber versetzte die böse Fee das ganze Schloss in tiefen Schlaf und ließ die Dornenhecke wachsen. Dornröschen wachte auf und rief die gute Fee herbei. Die verwandelte die Dornenhecke in einen Rosengarten. Die Prinzen, die versucht hatten, durch die Dornenhecke zu dringen, lagen verdattert zwischen den Rabatten und rieben sich die wunden Stellen. Das Schloss wachte auf, alle gähnten und fragten sich verwundert, wo die Zeit geblieben war. Alles war zum Fest bereit. Logikfehler, dachte Dornröschen, außerdem sollst du nicht so viel denken, sondern musst erlebte Rede benutzen, so modern war sie schließlich und so bewandert in modernen Schreibregeln. Alles war zum Fest bereit, sie musste nur noch den Logikfehler beseitigen. Die Speisen würden nämlich inzwischen gewiss verdorben sein. Also ließ Dornröschen in Windeseile neue herbeischaffen und bald dampfte und zischte es im Schloss, der Bäcker buk frisches Brot, der Koch drehte ein paar Ferkel am Spieß, der Mundschenk eilte in den Keller, denn Wein verdirbt ja nicht so schnell. Schließlich, nach sieben Stunden, war alles bereit, die Kapelle spielte zum Tanz auf, die Sonne schien auf den Rosengarten und alles feierte ... ja was eigentlich? Dass Dornröschen nicht gestorben war, sondern ihr eigenes Märchen geschrieben hatte? Da fehlt doch noch der Prinz, der sie wach küssen soll?
Da tönte von fern auch schon Trompetenschall, der Prinz nahte mit seinem prächtigen Gefolge. Er war zu seiner eigenen Hochzeit gekommen. Dornröschen schenkte ihm ihr Märchen und geleitete ihn unter Applaus der Umstehenden zum Brautbett. Damit sie ihr Happy End bekommen, flüsterte Dornröschen dem Prinzen ins Ohr. Hier hört das Märchen auf, denn die Zeit, bis sie starben, würde kein Märchen mehr sein, sondern Szenen einer Ehe.